Die Romanverfilmung DER MAGIER IM KREML ist packendes Politkino, das aufzeigt, wo die Weichen für das heutige Russland unter einem Putin-Diktat gelegt wurden. In Teilen fiktiv, aber inspiriert von einem Wegbereiter Putins ist dies einer der ganz großen Filme des Jahres. Es bleibt nur zu hoffen, dass er auch ein Publikum finden wird.
Von den 90ern bis (fast) heute
Im Zentrum steht Vadim Baranow, der einen Journalisten zu sich einlädt und ihm rückblickend seine Geschichte erzählt. Seine Schilderungen beginnen im Moskau der frühen 1990er-Jahre – einer Zeit voller Umbrüche, Unsicherheiten und Möglichkeiten. Baranow selbst wandelt sich vom kultivierten Kunstliebhaber zu einem zentralen Akteur der politischen Macht. Schritt für Schritt wird er zu einem Architekten jenes Systems, das den Aufstieg Putins ermöglicht und letztlich den Grundstein für die Entwicklungen legt, die Jahrzehnte später im Ukraine-Konflikt münden.
Der Film endet vor diesem historischen Höhepunkt, bleibt aber stets von dessen Schatten durchzogen. Die Handlung, angesiedelt im Jahr 2019, entfaltet sich in Rückblenden über zwei Jahrzehnte hinweg und ist in klar strukturierte Kapitel gegliedert, die die entscheidenden Etappen dieses Machtaufstiegs markieren.
Das größte Gefängnis der Welt
„Ich habe kein Interesse daran, den Friedensnobelpreis zu gewinnen“, erklärt Wladimir Putin an einer Stelle – ein seltener Moment von bitterer Ironie, der beinahe zum Schmunzeln verleitet, weil er unweigerlich Assoziationen zu anderen machtbesessenen Figuren der Gegenwart weckt. Doch dieser kurze Augenblick der Leichtigkeit täuscht: DER MAGIER IM KREML ist vor allem ein beklemmendes Werk. Es seziert präzise und unnachgiebig die Mechanismen, durch die Russland von einer Phase vorsichtiger demokratischer Hoffnung zurück in autoritäre Strukturen geführt wurde.
Die Vorlage liefert der gleichnamige Roman von Giuliano da Empoli, der europaweit große Aufmerksamkeit erlangte. Sein Erfolg erklärt sich nicht zuletzt daraus, dass er komplexe politische Prozesse verständlich macht: Wie konnte Putin nicht nur an die Macht gelangen, sondern diese über so lange Zeit sichern und ausbauen? Der Film übernimmt diese Stärke und zeichnet das Bild eines Staates, der sich zunehmend abschottet und verhärtet – bis er schließlich zu einem System wird, das eine Figur des Films resigniert als „größtes Gefängnis der Welt“ beschreibt. Baranow selbst ist eine fiktive Figur, doch seine Inspiration ist deutlich erkennbar: Wladislaw Surkow, der lange als geheimnisvoller Strippenzieher im Kreml galt.
Brillant: Paul Dano
Was Baranow antreibt, bleibt bewusst ambivalent. Ist es der Wunsch, aktiv Geschichte zu gestalten, statt sie nur zu beobachten? Oder die Faszination an der Macht selbst, die ihn immer tiefer in ein Spiel hineinzieht, das für ihn zum einzigen wirklich lohnenden wird? Vielleicht ist es auch ein radikal verstandener Patriotismus, der Russland zu alter Größe führen will – koste es, was es wolle. Sicher ist nur: Er gehört zu den moralisch fragwürdigsten Figuren dieser Erzählung, womöglich noch skrupelloser als Putin selbst. Und doch übt er eine seltsame Anziehungskraft aus. Man hört ihm zu, verfolgt seine Entscheidungen, beobachtet, wie er Ereignisse lenkt – und ist zugleich abgestoßen und fasziniert.
Diese Ambivalenz trägt maßgeblich die Darstellung von Paul Dano. Mit leiser Stimme, bedachter Artikulation und kontrollierter Zurückhaltung verleiht er Baranow eine unheimliche Präsenz. Jedes Wort scheint kalkuliert, jede Pause bedeutungsvoll. Seine Spielweise wirkt beinahe wie eine Strategie: unterschätzt zu werden, um umso wirkungsvoller zu agieren. Es ist eine Performance von beeindruckender Präzision.
Regisseur Olivier Assayas beweist einmal mehr sein Gespür für komplexe Stoffe. Gemeinsam mit Co-Autor Emmanuel Carrère gelingt es ihm, mehr als zwei Jahrzehnte politischer Entwicklung in einem dichten, aber klar strukturierten Film zu verdichten. Dabei entsteht nicht nur das Porträt eines Strippenziehers, sondern auch das eines Mannes, den viele lange unterschätzt haben: Putin selbst. Erst nach rund 45 Minuten tritt er auf – verkörpert von Jude Law, der dem russischen Präsidenten erstaunlich ähnlichsieht und ihn mit subtiler Intensität spielt.
Fazit
Trotz seiner künstlerischen Qualität dürfte es der Film beim Publikum nicht leicht haben. Ähnlich wie bei THE APPRENTICE, der sich mit Donald Trump beschäftigte, stellt sich die Frage: Wer möchte sich im Kino mit Figuren auseinandersetzen, die ohnehin täglich die Nachrichten dominieren? Gerade diese Nähe zur Realität macht den Film jedoch so relevant – und so unbequem.