Um ein Langes kurz zu machen, um „Reminders of Him“ sehen zu dürfen, musste ich tatsächlich mein Mobiltelefon abgeben. Und das obwohl es mittlerweile die wasweißdennichwievielte Auflage der Romanvorlage zu kaufen gibt und Colleen Hoover auch am Drehbuch für den Film mitgeschrieben hat. Hier gibt es auch deshalb nichts zu „leaken“, weil die Handlung dieses Films (und damit sicher auch die des Buches) in einem Maße vorhersehbar ist, das die Vorschrift zur Abgabe des Mobiltelefons nicht mal mehr ironisch wirken lässt, sondern bizarr.
Nur um Missverständnisse auszuschließen: Ich habe die Romanvorlage nie gelesen (und man müsste mir eine Menge Geld bieten, um mich dazu zu bewegen). Aber während der zweiten Szene war mir der weitere Verlauf der Handlung in Grundzügen klar. Nach fünf Minuten wusste ich, wie der Film ausgehen würde. Und nach sieben oder acht Minuten gab es für die Abwesenheit der männlichen Hauptfigur in den Rückblenden nur zwei mögliche Erklärungen und ich wusste bereits, wir würden im weiteren Verlauf der Handlung entweder von einer Kriegs- oder einer Footballverletzung erfahren (SPOILER: dreißig Minuten später erfahren wir, der Held war in der NFL und es war die Schulter).
Wir alle haben schon Werbespots für Ferrero-Küsschen gesehen, die weniger vorhersehbar waren als dieser Film und Pornos mit überraschenderer Handlung. Im Kasperltheater bekommt man regelmäßig komplexere Plots mit mehr unerwarteten Wendungen geboten, als in „Reminders of Him“. „Steamboat Willie“ dauert keine 8 Minuten, hat aber eine anspruchsvollere und abwechslungsreichere Handlung als „Reminders of Him“.
So wie es aussieht, kommt nun nach „Nur noch ein einziges Mal“ und „All das Ungesagte zwischen uns – Regretting You“ jedes Jahr eine neue Colleen Hoover-Verfilmung ins Kino. Ähnlich wurde in den frühen Zweitausendern eine ganze Weile mit den Romanen von Nicholas Sparks verfahren. Aber wo Sparks dem Publikum wenigstens immer Handlungen mit den abstrusesten Zufällen vorgesetzt hat (in einer seiner Geschichten kommen die Hauptfiguren tatsächlich per Flaschenpost zusammen), gibt es bei Colleen Hoover nichts als lächerliche Vorhersehbarkeit. Beständigkeit ist auch eine Qualität, die offensichtlich von vielen Leser*innen geschätzt wird.
Apropos „Qualität“: Neben der Handlung gibt es über den ganzen Rest von „Reminders of Him“ nicht viel zu berichten. Über die Dialoge muss man sagen, sie passen sehr gut zur Handlung. Und natürlich wird das Publikum wieder dem ewigen Fluch aller uninspirierten Literaturverfilmungen ausgesetzt: dem redundanten „Voice Over“. Daher darf uns die Hauptfigur mit Perlen wie „There was before you. And there was during you. I never thought, there would be an after you.” auch noch aus dem “off” eine Blase ans Ohr quatschen, wenn nicht ohnehin gerade alle anderen Figuren einander alles Mögliche im Dialog erklären.
Regisseurin Vanessa Caswill hat bisher erst einen Spielfilm inszeniert und davor vor allem fürs Fernsehen gearbeitet. Sie lässt die gefälligen Bilder von Kameramann Tim Ives („Stranger Things“) von Cutterin Michelle Harrison zu einem vage nostalgischen Look montieren und drückt dann schamlos, plump aber durchaus effizient auf die Tränendrüse. Das Alles darf in einer aus der Zeit gefallenen Stadt in der Weite der amerikanischen Provinz stattfinden, die weniger an die aktuelle Realität als an viele alte Filme und TV-Serien erinnert.
Ähnliches gilt auch für die Besetzung. Zwei oder drei halbwegs bekannte Gesichter und jede Menge Gesichter die einem bekannt vorkommen, erinnern an jede Menge Filme und TV-Serien, die man in der Vergangenheit gesehen hat. Bradley Whitford ist einer dieser Schauspieler, deren Gesichter man aus Dutzenden Filmen kennt, die aber nur selten echte Charaktere darstellen dürfen. Whitford hatte seine größte Rolle der letzten Jahre wohl in „Get Out“. Hier darf er wieder nur ein bloßes Handlungselement darstellen. Ähnliches gilt für Lauren Graham, deren Namen manche von uns aus „Gilmore Girls“ kennen und die meisten von uns gar nicht.
Die männliche Hauptrolle spielt ein junger Mann namens Tyriq Withers, der das Kunststück fertig gebracht hat, mich in diesem Film an Dutzende andere attraktive Schauspieler zu erinnern, aber nicht an sich selbst. Ich musste tatsächlich erst nachlesen, dass ich ihn bereits in anderen mittelmäßigen Filmen gesehen habe.
Und auch hier gilt ähnliches leider für Maika Monroe, die vor anderthalb Jahren in „Longlegs“ brilliert hat: In „Reminders of Him“ spielt sie ihre Rolle weder gut noch schlecht und erinnert vor allem an jede andere junge, attraktive Darstellerin in jedem anderen passablen „Tearjerker“ der Filmgeschichte. Natürlich haben wir mit ihrer Figur Mitleid. Mehr aber auch nicht.
Einen echten Eindruck hinterlässt nur die junge Monika Myers in ihrem ersten Spielfilm. Sie spricht mit echter Verve und sichtlicher Freude aus, was wir alle über die männliche Hauptfigur denken. Man darf hoffen, die junge Dame noch oft und in viel besseren Filmen auf der Leinwand zu sehen.