Und all diese Stärken und Schwächen dieses besonderen Filmemachers sind auch recht schnell wieder in „Klara und die Sonne“ erkennbar. Der Film hat einen traumhaften Look. Aber Waititi schafft es irgendwie uns gleichzeitig zu viel und zu wenig von dieser postapokalyptischen Welt zu zeigen. Einerseits besticht die Fülle visueller Details, andererseits bleiben viel zu viele interessante Fragen darüber offen, wie diese Gesellschaft funktioniert und wie die Menschen darin leben. Der wirklich zauberhaften Ausstattung des Teams rund um Ra Vincent (Oscar-Nominierungen für „Jojo Rabbit“ und „Der Hobbit“) mag es teilweise gelingen, uns davon abzulenken, dass sich die Welt, in der dieser Film spielt, nie richtig erschließt.
Es ist offensichtlich nicht die Schuld der Ausstattung, wenn die herrlich interessante Idee, wir Menschen hätten uns des Internets als unwürdig erwiesen, nur in einem einzigen Satz und dann nie wieder Erwähnung findet. Warum benutzt man in der Zukunft Vinylplattenspieler, hat aber selbstfahrende Autos und andere Maschinen? Warum sind die Künstlichen Freunde bereits vor dem Kauf mit eigener Persönlichkeit ausgestattet, wissen aber andererseits nicht wie man eine Treppe hoch oder runtergeht. Warum sind sie so anfällig, wenn sie doch offensichtlich für eine lange Lebensdauer ausgelegt sind? Und warum hat man in dieser Welt offensichtlich noch nie von Asimovs Robotergesetzen gehört?
Das Drehbuch, das Waititi zusammen mit Dahvi Waller verfasst hat, zeigt Stärken aber auch jede Menge weitere Schwächen. Waller hat bisher nur fürs Fernsehen geschrieben. Und das erkennt man in diesem Film, der sehr episodenhaft aufgebaut wirkt. Einzelne Inhalte und Handlungselemente werden eingeführt, dann teilweise so lange nicht mehr erwähnt, dass man sie schon fast vergessen hat, und am Ende wird alles zu einem Paket von Happy Ends verschnürt. Leider sind viele dieser Teile nicht so interessant wie andere. Einige sind so unergiebig, dass man sie besser zugunsten viel interessanterer Elemente gestrichen hätte, über die wir gerne mehr erfahren hätten. Der Film, der uns alles Möglich immer wieder erklärt, scheint auch oft das Interesse an vielen seiner Ideen zu verlieren.
Waititi hat einmal im Interview zugegeben, die Vorlage zu seinem besten Film, „Jojo Rabbit“ nur zur Hälfte gelesen zu haben. „Klara und die Sonne“ ist nach einer Vorlage des Literatur-Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro entstanden. Für die Leser, die sich weniger für Bücher als für Filme interessieren: der Mann hat u.a. die Vorlagen für „Was vom Tage übrig blieb“ und „Alles was wir geben mussten“ geschrieben. Es spricht also viel dafür, dass die Vorlage noch nicht die wilde Mischung aus zu wenig wirklich Interessantem und zu viel Unergiebigem war, die wir nun im Kino zu sehen bekommen.