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Kritik: The Invite

 
sub kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Lacht jemand gerne über Sitcoms, will das aber nicht zugeben?
 
You think I'd leave your side, baby
 
Zu dem Zeitpunkt als ich diese Zeilen schreibe, ist „The Invite“ bereits in den USA angelaufen und weltweit auf einigen Festivals gezeigt worden. Auf Rotten Tomatoes hat der Film aktuell eine Bewertung von 95%. Zum Vergleich, „Hannah and Her Sisters“ und „Husbands and Wives“, die beiden Woody Allen-Filme von denen „The Invite“ sicher am meisten inspiriert wurde, haben jeweils 92% und 93%. Selbst Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“, die Blaupause für diesen und viele vergleichbare Filme, hat gerade mal 88%. Daraus kann man zwei Lehren ableiten: Erstens, Filmkritiker waren auch vor Jahrzehnten nur Menschen. Zweitens, die heutigen Filmkritiker müssen sich in ihrer dauernden Begeisterung für geschickt verpacktes und anspruchsvoll präsentiertes Mittelmaß endlich mal wieder einkriegen.
 
Es tut mir leid, aber „The Invite“ ist ein ganz nettes Filmchen, das nur von zwei einzelnen Faktoren vor der Belanglosigkeit gerettet wird. Die 95% auf Rotten Tomatoes sind ein größerer Lacher als alles, was uns das wirklich schwache Drehbuch nach einem französischen Theaterstück und dessen ebenfalls französischer Verfilmung, zu bieten hat. Das was uns die beiden Drehbuchautor*innen Rashida Jones und Will McCormack hier präsentieren ist 85 von 108 Minuten lang nichts anderes als eine sehr lange und sehr unoriginelle Folge einer beliebigen alten Sitcom.
 
Bereits nach wenigen Szenen befinden wir uns mitten in der x-ten Staffel jeder typischen Sitcom über jedes typische Sitcom-Ehepaar. Der Ehemann kommt nach Hause, es folgen launige Scherzchen darüber, dass seine Frau ihn zwingt den Weg zur Arbeit auf einem Klapprad zurückzulegen. Der Mann will einfach nur seine Ruhe, aber die Frau hat die neuen Nachbarn zum Abendessen eingeladen. Der Mann meint, das hätte sie ihm nie gesagt, die Frau widerspricht, er höre ihr bloß nie zu. Der Mann will Käse essen, aber der ist für die Gäste. Der Schinken ist kein Schinken sondern (für Amerikaner) exotischer „Jamón“, und so weiter und so fort. Muss ich erwähnen, dass die von Olivia Wilde dargestellte Ehefrau eine 9 während der von Seth Rogen dargestellte Ehemann gerade mal eine 4 ist? Nach wenigen Minuten habe ich die beiden Hauptfiguren im Geiste Doug and Carrie genannt und ständig darauf gewartet, dass der Schwiegervater reinplatzt.
 
 
Und ganz im Stil bekannter Sitcoms geht es weiter. Die Gäste sind beide mindestens so exotisch wie der „Jamón“, was unserem bodenständigen Gastgeber natürlich gar nicht passt und seine Frau, deren Begeisterungsfähigkeit für alles, das nichts mit ihrem Mann zu tun hat, an Hysterie grenzt, natürlich in Verzückung geraten lässt. Der großartige Neil Flynn hat diesen Archetyp von Ehemann in „The Middle“ sehr viel sympathischer dargestellt als Seth Rogen das an seinem besten Tag könnte. Und Patricia Heaton hat eine vergleichbare Ehefrau bereits in zwei verschiedenen Sitcoms gespielt.
 
Zurück zu den Gastgebern und ihren exotischen Gästen. Der Gastgeber gibt ständig passiv-aggressive one-liner zum besten, von denen kein einziger witzig ist und die ihn zunächst wie einen Idioten und irgendwann wie einen Soziopathen, also wie fast jeden Sitcom-Ehemann von Jackie Gleason über Fred Feuerstein bis Jim Belushi klingen lassen. Die Gäste sorgen mit ihren skurrilen Vorlieben und Eigenheiten für eine haha-lustige Situation nach der anderen, der Gastgeber will sie ständig auf die lauten Sexgeräusche aus ihrer Wohnung ansprechen, die Frau blockt ihn immer wieder ab und nach über einer Stunde und damit deutlich zu spät, findet endlich der elendslang aufgebaute Gag rund um die Sexgeräusche zu einer Pointe, die den ganzen Aufwand wirklich nicht wert war.
 
An dieser Stelle wird die Komödie, die nie so witzig war wie sie hätte sein können, weil man jeden Gag kilometerweit kommen sehen konnte, dann für die letzten fünfundzwanzig Minuten des Films zu so etwas ähnlichem wie einem Drama, das nie richtig dramatisch wird, weil sich die dramatischen Entwicklungen noch länger abzeichnen durften als die Pointen. Alles, wirklich alles, das in diesem Film passiert, sieht man so lange kommen, wie einen Besucher, der sich im norddeutschen Tiefland zu Fuß nähert. Wenn der Gastgeber nicht die Platte seiner alten Band auflegen will, ist uns klar, was eine Stunde später im Dialog aufgelöst werden wird. Wenn jemand bereits zu Beginn des Films nicht möchte, das sein Klavier auch nur angefasst wird, zeichnet sich bereits die Schlussszene dieses Films ab.
 
Unter anderem diese Schlussszene und ihre wunderschön gelungene Inszenierung ist es, die „The Invite“ vor völliger Belanglosigkeit bewahrt. Olivie Wildes erste Regiearbeit, „Booksmart“ von 2019, hat auf Rotten Tomatoes 96%, was absolut überzogen ist. Ihr zweiter Film, „Don’t worry, Darling“ hat bloß 38%, was nun auch wieder nicht sein müsste. So oder so, hat sie mit „The Invite“ ihr Meisterstück als Regisseurin abgeliefert. Wenn sich die Kritiker weltweit zu 95% davon ablenken ließen, dass der Film tatsächlich wenig mehr als eine sehr lange Folge einer generischen Sitcom ist, dann liegt das auch an Wildes gekonnter Inszenierung.
 
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You know me better than that
 
Wilde kennt Ihre Vorbilder und es ist leicht zu erkennen, wie gründlich die Regisseurin zum Beispiel die Filme aus Woody Allens mittlerer Schaffensphase aber auch Ingmar Bergmans Werk studiert hat. Aber sie hat auch durchaus ihren eigenen Stil entwickelt. Und die Stärken dieses Stils liegen in der Aufmerksamkeit und der Liebe zum Detail. Während zum Beispiel die Gastgeberin vor der Ankunft der Gäste in eine für diesen Anlass neu gekaufte Bluse schlüpft, die zusammen mit ihrer Hose eine wirklich stilvolle Kombination bildet, zieht sich ihr Mann zwar um, trägt dann aber doch eine eigentlich schlampigere Version dessen, was er bereits zuvor getragen hat. Die elegante Beiläufigkeit mit der ein Soufflé in den Müll wandert, erinnert an die geniale physische Comedy eines Buster Keaton. Und das exzellente Timing der Dialoge liegt weit über der Qualität der Dialoge selbst.
 
Wildes Regie liegt vor allem visuell weit über dem, was wir zurzeit sonst im Kino gezeigt bekommen. Wir sehen in diesem Film Bilder, die auf angenehme Art einfach sehr stimmig wirken. Abgesehen von einigen wenigen Einstellungen in der Einleitung spielt die gesamte Handlung in der Wohnung der Gastgeber. Selten hat jemand einen wenig spektakulären Ort der Handlung so kongenial in Szene gesetzt. Wilde macht mit ihrem Gefühl für Raum, Formen und Licht die Wohnung zur fünften und tatsächlich zweitinteressantesten der Hauptdarsteller*innen.
 
Die Wohnung wird von Regisseurin Olivia Wilde viel interessanter in Szene gesetzt als die Darstellerin Olivia Wilde. Natürlich ist ihre Rolle der längst unzufriedenen Ehefrau ein Sitcom-Klischee und gibt entsprechend wenig her. Aber Wilde hat uns knapp anderthalb Stunden nichts anderes zu bieten als eben dieses zickig-hysterisch-passiv-aggressive Klischee einer Frau, die sich selbst, ihrem Mann, ihrer Tochter und jedem Menschen, der sie kennt einen enormen Gefallen getan hätte, wenn sie die Ehe vor vielen Jahren beendet hätte. Danach fällt es uns schwer, ihr während der letzten fünfzehn Minuten des Films die verletzte, liebende Frau abzunehmen.
 
Seth Rogen spielt hier wieder einmal eine Seth-Rogen-Rolle. In den zwanzig Jahren seit „The 40 Year Old Virgin“ hat Seth Rogen vielleicht ein halbes Dutzend Mal KEINE Seth-Rogen-Rolle gespielt. Der Mann hat in „Die Fabelmans“ sicher keine schauspielerische Meisterleistung gezeigt, aber wenigstens hat er damals überhaupt eine schauspielerische Leistung gezeigt. In „The Invite“ spielt er eine Weiterentwicklung seiner üblichen Seth-Rogen-Rolle. Seine Rolle hier ist aber immer noch so sehr eine Seth-Rogen-Rolle, wer sich vorstellt, dass Olivia Wilde die Rolle von Katherine Heigl übernommen hat, kann sich „The Invite“ als Fortsetzung von „Beim ersten Mal“ ansehen.
 
Es gab eine Zeit, so vor gut 25 Jahren, da war Edward Norton der nächste heiße Scheiß. Aber jetzt mal kurz nachgedacht, wann hat uns dieser Schauspieler das letzte Mal wirklich beeindruckt? „Zwielicht“ und „Fight Club“ stammen aus dem letzten Jahrtausend. „The Score“ ist auch schon ein Vierteljahrhundert alt. Norton war wirklich gut in Nebenrollen in „Birdman“ oder zuletzt „Like a Complete Unknown“. Und es ist immer nett, wenn er in Filmen von Wes Anderson auftritt. Aber Nortons letzte wirklich beeindruckende Leistung liegt lange zurück. Daran ändert seine gute, aber dann doch recht beliebige Darstellung einer Sitcom-Nebenrolle in „The Invite“ leider auch nichts“.
 
Beeindruckend ist die Leistung von Penélope Cruz. Sie liefert, neben der Regie von Olivia Wilde, den zweiten Grund, sich diesen Film überhaupt anzusehen. Cruz‘ Rolle hätte, von einer anderen Schauspielerin dargestellt, leicht zur Parodie verkommen können. Aber wie bereits in „Vicky Cristina Barcelona“ gelingt ihr auch hier wieder das Kunststück, aus einer Rolle, die kaum mehr als eine Männerfantasie ist, eine echte, überaus interessante und lebendige Person zu erschaffen.
 
Es macht nicht nur Spaß, Penélope Cruz in diesem Film zu sehen. Es macht richtig Spaß, sie zu beobachten und wahrzunehmen, wie sie die anderen Figuren beobachtet und wahrnimmt. Wo andere Schauspieler*innen spielen, agiert und reagiert Cruz als echte Frau. Cruz hatte eine Beziehung mit jeder der anderen Figuren, lange vor der ersten Szene, die wir im Film gezeigt bekommen. Während des dramatischen Höhepunktes reagiert nicht eine Schauspielerin auf einen anderen Schauspieler, hier reagiert ein echter Mensch auf etwas, was seit geraumer Zeit vor Beginn der Handlung zwischen echten Menschen im Raum gestanden hat. Gute Darsteller*innen spielen so gut, wie es das Drehbuch und die Regie erlauben. Großartige Darsteller*innen können über das Drehbuch und die Regie hinaus spielen. Penélope Cruz empfiehlt sich hier wieder als eine der großartigsten Darstellerinnen unserer Zeit.
 
Fazit
 
Für alle die über Sitcoms lachen, das aber nicht zugeben wollen, hat Olivia Wilde die qualitativ hochwertigste Sitcom-Doppelfolge aller Zeiten gedreht. Unter hervorragender Regie unterhalten uns drei ganz gute Darsteller*innen und eine wirklich großartige Darstellerin so, dass es sogar dem weltweiten Feuilleton gefallen mag.
 
 
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