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Kritik: Wild Horse Nine

 
sub kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Jeder echte Filmfan mag es, wenn John Malkovich skurrile Charaktere spielt ...
 
Hear that lonesome whippoorwill
 
Auszug aus der Einladung zur Pressevorführung: „Kurz vor dem Militär-Putsch in Chile im Jahr 1973 werden die CIA-Agenten Chris (John Malkovich) und Lee (Sam Rockwell) von ihrem Büroleiter MJ (Steve Buscemi) von Santiago auf die Osterinsel entsandt. Vor dem Hintergrund der ikonischen Skulpturen der Insel ringen die langjährigen Partner mit ihrer dunklen Vergangenheit und aktuellen Verschwörungen. Dabei droht Chris’ neu gefundene Freundschaft mit zwei rebellischen Studentinnen (Mariana di Girolamo und Ailín Salas) die Reise aller in dieses abgelegene Paradies völlig aus dem Ruder laufen zu lassen.“
 
Ja, wir alle lieben es, wenn John Malkovich skurrile Charaktere spielt. Weil er es so gut kann. So gut wie kaum jemand. Aber sollte ein Film, der bei den Filmfestspielen in Venedig 13 Minuten (in Worten: dreizehn Minuten) beklatscht wurde und auf rotten tomatoes aktuell eine Bewertung von 94% fresh hat (1% mehr als „Lawrence of Arabia“, 5% mehr als „The Shawshank Redemption“ und volle 6% mehr als „Barbie“) nicht ein bisschen mehr zu bieten haben als bloß John Malkovich, wie er etwas tut, von dem wir alle wissen, dass er es gut kann?
 
Schauen wir uns mal an, was der neue Film geschrieben und inszeniert von Martin McDonagh („The Banshees of Inisherin“) sonst noch zu bieten hat. Der Film beginnt mit einem scheinbar sinnlosen, langen und vor allem skurrilen Dialog zwischen zwei skurril aussehenden Protagonisten über Motten. Es folgt ein Schnitt und wir hören einen skurrilen alten Popsong (in diesem Fall „I’m so lonesome, I could cry“ von Hank Williams) und bereits in der nächsten Szene beleidigen die beiden skurrilen Figuren einander im Gespräch, als wäre nichts dabei. Liebe Kritiker weltweit und liebe Festivalbesucher, nehmt es mir bitte nicht übel, aber das ist nicht mehr als eine Hausaufgabe für den Kurs „Quentin Tarantino-Imitationen für Anfänger“. Das ist doch nichts, wofür man eine knappe Viertelstunde klatschen muss. Das verdient doch keine bessere Bewertung als anerkannte Meisterwerke.
 
 
Weiter geht es mit skurrilen Dialogen über Themen wie die Frage, ob Dinosaurier oder Nazis in den Himmel kommen, untreue, verständnislose Ehefrauen und Drogen. Diese skurrilen Dialoge werden reichlich mit einem Übermaß an unpassenden Kraftausdrücken gewürzt und immer wieder unterbrochen von weiteren skurrilen Oldies wie z.B. Harry Belafontes „Island in the Sun“ oder Joni Mitchells „Both Sides Now“. Am Ende des Films geniert sich Martin McDonagh kein bisschen, „Out of Time“ von den Rolling Stones spielen zu lassen, ein Lied, das Quentin Tarantino kongenial in einer der besten Sequenzen seines letzten Films, dem Meisterwerk „Once Upon a Time in Hollywood“ (übrigens bloß 86% auf rotten tomatoes) eingesetzt hat.
 
Martin McDonagh hat in der Vergangenheit großartige Filme gedreht. Sein Erstling „Brügge sehen… und sterben?“ ist witzig, spannend, berührend und (nicht bloß wegen der gerade mal 84% auf rotten tomatoes) leider unterschätzt. Aber bereits sein zweiter Spielfilm „7 Psychos“ war ein teilweise anstrengendes und recht offensichtliches Quentin Tarantino-Imitat. In seinem neuen Film konzentriert sich McDonagh die Hälfte der Laufzeit darauf, alles so skurril als möglich zu gestalten und sabotiert so allmählich seinen eigenen Film. Wenn der Film nämlich nach einer geschlagenen Stunde tatsächlich schön langsam spannend zu werden beginnt, sind uns die beiden Protagonisten schon so lange auf die Nerven gegangen, dass wir Mühe haben, uns für ihr weiteres Schicksal zu interessieren.
 
Das ist ein Jammer, denn McDonagh und sein Stab haben, von den erwähnten Kritikpunkten abgesehen, auch während der ersten Stunde bereits sehr gute Arbeit geleistet. Die Ausstattung ist superb und wirkt extrem authentisch. McDonaghs langjähriger Stamm-Kameramann Ben Davis (u.a. auch „Guardians of the Galaxy“, „Cry Macho“) fängt diese Ausstattung und die wunderschöne und noch nicht in unzähligen anderen Filmen gezeigte Landschaft der Osterinseln geschickt im Bild ein. Und natürlich brillieren auch die verschiedenen Mitglieder der Besetzung.
 
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But now, old friends, they’re acting strange
 
Parker Posey ist die Königin der anspruchsvollen Nebenrollen. Das hat sie im Lauf der Jahre in so unterschiedlichen Filmen wie „Blade: Trinity“ oder „Grace of Monaco“ aber vor allem in den Mockumentaries von Chris Guest bewiesen. In „Wild Horse Nine“ hätte man ihr zusätzliche und besser geschriebene Szenen gewünscht. Das gleiche gilt für eine begabte junge Darstellerin aus Chile namens Mariana di Girolamo. Sie spielt den einzigen Charakter des Films, der so etwas wie eine Entwicklung durchmacht. Sowohl diese Darstellerin als auch ihre Figur hätte ein oder zwei Szenen mehr verdient.
 
Steve Buscemi ist Steve Buscemi ist Steve Buscemi. Die nachlässig geschriebene Rolle, in der dieser Mann nicht brillieren kann, muss erst noch geschrieben werden. Wie er die beste Dialogzeile des Films abliefert, ist allein ein oder zwei Minuten Applaus wert. Sam Rockwell hat unter Martin McDonaghs Regie seinen Oscar für „Three Billboards …“ bekommen. Vielleicht war er deshalb einverstanden, in diesem Film sein Talent mit dem bloßen Entwurf einer Rolle und als Stichwortgeber für John Malkovich zu verschwenden.
 
Wie bereits festgestellt, lieben wir alle es, wenn John Malkovich skurrile Charaktere spielt. Das macht er nun seit Jahrzehnten, mal gefährlich („In the Line of Fire“, „Con Air“), mal witzig („Being John Malkovich“, „Per Anhalter durch die Galaxis“), manchmal sogar beides („R.E.D.“). Und natürlich lieben wir alles, was er in „Wild Horse Nine“ tut, weil er es einfach ganz hervorragend tut. Er hat das alles aber eben einfach schon so oft ganz hervorragend und oft genug besser getan, dass man sich ein bisschen vorkommt wie bei einem Rolling Stones-Konzert. Ja, das ist alles großartig. Aber wir wissen längst, dass die alten Herren das alles können. Und sie konnten das alles früher sehr viel besser. Ist es wirklich abendfüllend, das alles immer wieder zu sehen?
 
Fazit
 
Jeder echte Filmfan mag es, wenn John Malkovich skurrile Charaktere spielt. Aber wenn ein Film über weite Strecken nicht viel anderes zu bieten hat, ist das ein bisserl wenig.
 
 
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